Auf-/zuklappen Sucht & Drogen

Dont stop – but surrender!

.:gefaehrte:. - 2017

Es ist jetzt seit dem 03.11.2016 Zeit vergangen, als ich in das Krankenhaus ging. Ich versuchte mich als Kämpfer und mußte feststellen, es gibt Gegner, die man nicht besiegen kann. Lange glaubte ich, ich wäre stärker als mein bester Freund, aber manche Freunde, die entpuppen sich als spitzzüngiger Feind, der dich komplett vereinnahmt.

In meinem Fall hat der Freund viele Namen – Rachmaninov, Gorbatschow oder Lunikoff. Egal, welchen Namen er auch annimmt: er ist mehr zum Feind geworden, was aber, um es selbst zu kapieren, viel zu lange dauerte.

Ich haderte lange mit mir, wann ich ihm den Handschlag verwehren sollte, aber alles in allem dauerte es Jahre und diverse Verfallserscheinungen.

An einem Punkt erkannte ich selbst, ich bin in einer festen Umarmung gefangen, die mich so leicht nicht loslassen sollte. Anfangs noch der brüderliche Kuss auf die Wange, der sich so verbunden anfühlte – dieses blinde Verständnis, das einem vorgaukelt, man darf sich zuhause fühlen – um dann irgendwann die Maske fallen zu lassen und das wahre Ich zeigend: destruktiv, allumfassend, in jede meiner Körperzellen eindringend und vor allem – mich selbst zerfressend!

Die Entfremdung fand schleichend statt, erst war es dieser Rauschzustand, der mich leicht werden lies, dieses Gefühl von allem befreit zu sein, doch dann ging alles ganz schnell – der Weg der sozialen Ausgrenzung kam, man traf sich weniger mit Menschen, die einem etwas bedeuteten und bald folgten auch die ersten Entzugserscheinungen. Das morgendliche Zittern, das erst noch neu und ungewohnt war, die ständigen Schweißausbrüche und diese andauernde Übelkeit.

Mein einst so guter Freund löste den brüderlichen Kuss durch einen handfesten Würgegriff ab, der von Tag zu Tag mehr Druck ausübte.

Schmerzen kamen, Schmerzen gingen, ein ständiges Auf und Ab in der Achterbahn meiner Gefühle – und immer wieder dieser eine Gedanke, der sich mehr und mehr in den Vordergrund drängte.

DU mußt.
DU brauchst mich.
DU kannst nicht leben ohne mich.
DU willst nicht leben ohne mich!


Im Schatten von mir Selbst fristete ich so manche Stunde vor mich hin. Nicht ich selbst, nein, mehr ein Teil von mir, den ich liebend gerne nie kennengelernt hätte – aber Freund Alkohol traf mich mit voller Breitseite.

Wenn man das Gefühl kennt, in einem, auf einer Eisplatte driftenden Auto zu sein, dann kann man im entferntesten vielleicht nachvollziehen, wie es ist. Man ist klar im Kopf (eigentlich), aber die Kontrolle obliegt einem nicht mehr. Erst war es nur etwas, aber nach und nach versagten plötzlich körpereigene Funktionen, die man (eigentlich) unter Kontrolle haben sollte.
Das Gehirn sagt nicht mehr „Nein“ und gibt den Kampf mit sich selbst auf – doch immer wieder vor dem Spiegel stehend, auf dem man sehen kann, das dies alles zu einer Einbahnstraße wird, was man gerade hier tut.

Von einem kontrollierbaren Feind hin zu einem der größten Trugbilder meines Lebens.

Weiterer Verfall.
Weiteres Verdrängen.
Weiteres – ich spiele dein Spiel mit und verliere mich dabei aus den Augen – Spiel.
Weiteres Ja.
Weiteres Nein.
Weiteres vorspiegeln der verdrehten Tatsachen.


Ich funktionierte.

Ich dachte ich wäre da, aber ich war es schon lange nicht mehr. Aus dem guten Gefühl wurde bittere Realität und das Aufwachen aus Alkoholgeschwängerten Träumen wurde immer härter.

Der Punkt, wann es mir vollends entglitt, den habe ich nicht wahrgenommen, jedenfalls nicht bewußt.

Jeder Moment bewußtem Erlebens wurde auf ein Abstellgleis geschickt, um immer mehr den einzigen Gedanken, den des Alkohols, anzunehmen.

ICH will dich jetzt.
ICH brauche dich.
ICH will nicht mehr ohne dich.
ICH…
…bin nicht mehr Herr meiner selbst.


Der Karren wurde mit voller Geschwindigkeit in den Dreck befördert, den ich lange auftürmte. Mir selbst nicht eingestehend, das ich alleine aus dieser Nummer hier nicht mehr herauskomme. Im Würgegriff einer falschen Schlange, um Luft ringend und immer wieder mehr in die feste Umarmung eintrudelnd. Meine Kreativität gebrochen, mein Wille nur noch ein Funke glimmendes Holz in einem absterbendem Feuer.

Doch ich wachte auf. Einmal.

Wie es passierte, das weiß ich nicht.

Ich lag in meinem Bett. Viel mehr, in dem, was davon noch übrig geblieben war. Ein Molloch aus Urin und Alkoholkotze, das für sich – und gesamt – einen beißenden Gestank ergab. Das Gesamtbild muß ziemlich erbärmlich gewesen sein, denn bis zur völligen Selbstaufgabe fehlte nicht mehr viel. Genaugenommen war es wohl nur ein klitzekleiner Augenblick in der Zeit, die einem bleibt, bis alles zum erliegen kommt – einhergehend mit dem kompletten Totalausfall meines Körpers und meines Verstandes.
Wenig später fand ich mich selbst, das Telefon den Notruf wählend wieder. Ich habe kapituliert. Mein perfekt aufgebautes Kartenhaus fiel in sich zusammen. Ich war längst kein Schauspieler mehr, sondern nur noch eine dumbe Marionette.

Der Vorhang fiel und es kam kein Applaus von frenetischen Zuschauern. Da war nur ich, eingesperrt in einen Körper, der mir komplett fremd geworden war – mir und meinen Gedanken.

Lügengeschichten waren die Tagesordnung. Neue Ausreden, warum man nichts mehr Essen konnte oder warum man nicht mehr irgendwohin ging.

Der Fakt war beeindruckend simpel. Es stapelten sich Mülltüten voller Erbrochenem. Der ach-so-gute Freund wollte nur noch so lange im Körper verweilen, bis er seine narkotisierende Wirkung zeigte, alles andere sammelte sich in 60-Liter-Müllbeuteln – wechselnd von Aldi, Lidl und Co. Ich kaufte Nahrung um den Schein zu wahren, aber in Wirklichkeit gab es Wochen ohne einen festen Bissen auf meiner Zunge. Anfangs war auch das befremdlich, aber mit der Zeit legte sich auch dieses Gefühl.

Intoxikation war das einzige, was sich noch einigermaßen real anfühlte.

Mein guter Freund wurde mein allerbester Feind.

Auf der Fahrt in die Klinik, sah ich noch einmal die Lichter der Stadt,
sie brannten wie Feuer in meinen Augen (Joachim Witt, „Goldener Reiter“)

Aufwachen tut weh. Es ist alles so verdammt surreal, wenn die Betäubung nachläßt. Es tut alles so verdammt weh, wenn man wieder spüren lernt. Es fühlt sich so komisch an, wenn man lernen muß, wieder feste Nahrung zu sich zu nehmen. Es ist so kalt plöptzlich, so dunkel, obwohl alles um einen herum taghell ist.

Es ist so fremd.

Ich bin mir fremd. Bin nicht mehr ich – doch: ich bin ich. Ich bin genau dieser verwahrloste Mensch, der dort im Spiegel zu sehen ist.

Wunden übersäen Körper und Geist und es bleibt banges Hoffen, ob alles vielleicht doch noch so funktionieren kann, wie es es eigentlich sollte. Gibt die Leber noch Lebenszeichen von sich? Spült die Niere noch Giftstoffe aus, oder schwemmt sie diese ungefiltert in den Körper zurück? Diese Sprachstörungen, werden sie verschwinden? Bleibt dieses unablässige Zittern deiner Nervenenden in deinen Extremitäten vorhanden – oder geht es wieder? Das brennen in deiner Leistengegend bei jedem Wasserlassen – verschwindet es? Wacht dein Körper dieses eine Mal noch auf, oder vergibt er dir diesen einen Exzess zu viel vielleicht doch nicht mehr?

Es ist etwas Zeit vergangen. Ich habe kapituliert. Nicht, weil ich des kämpfens überdrüssig wäre, nein – ich habe nur erkannt, das ich mich diesem einen Feind nicht stellen kann.

Es ist dieser eine Kampf, den man im Leben nie gewinnen kann, wenn man erkennt, das der Gegner übermächtig ist.

Du, mein lieber Freund Alkohol, bist mir übermächtig. Du hast mich eingelullt und mich fast zur Aufgabe meines Daseins gebracht.

Ich sehe es ein, mein Freund.
Chapeau.


Du hast gewonnen. Ich kann nurmehr verlieren gegen dich, deswegen trete ich den Rückzug von diesem Schlachtfeld an.

Ich kapituliere und versuche die Schauplätze deiner Schlachten so gut es geht aufzuräumen. Es werden Dinge auf der Strecke bleiben – na klar, aber Hauptsache ich bleibe letzten Endes da und sehe dir nur noch von weitem zu.

Ein letzter zitternder Händedruck, keine Umarmung. Ein harter Weg voll Alkoholtests und Blutentnahmen. Ein erholsamer Schlaf – ohne deine anbiedernden Träume und Folgeerscheinungen. Ein Leben, das sich neu erlebt.

Ein Weg, der steinig ist, bei dem sich viele Steine anbieten, sich dir in deine Schritte zu werfen – aber ein Weg, der es wert ist, ihn zu gehen.

Manche Strecken muß ich alleine meistern, andere Teile werde ich begleitet – aber einen Weg will ich umgehen – deinen Weg.

Ich mag dir sogar danken für so manche Erinnerung, aber ich will dich genauso abgrundtief hassen.

Geh, mein alter treuer Freund. Geh – und nimm deine Umarmung mit.
Ich werde dich nicht stoppen auf deinem Weg – aber ich kapituliere vor dir. Zieh weiter, lieber Freund, ich habe dein Gesicht erkannt und muß dir sagen: in Wahrheit bist du eine hässliche, allzerfressende Hackfresse, die man ohne weiteres vergessen darf!

Dont stop – but surrender.

Ein Abgesang an dich, Alkohol.
Ich brauche dich nicht.
Ich wollte dich einst.

Ich dürfte mich dir hingeben, wenn ich den Weg zurück wählen würde – aber: der Kopf nach oben und der Blick nach vorn.

Nüchtern betrachtet würde ich sagen: ich liebe dich nicht mehr.

Dont stop.
Surrender.


Eine Beziehung geht in die Brüche, eine andere tut sich auf. Wiederentdeckte Dinge kommen langsam wieder. Entschuldigungen werden verteilt. Kein reumütiges Zurückblicken auf die zertretenen Wege, die ich einst so gerne lief – nein – Aufbruch zu neuen Zielen.

Ziele, die ich mir selbst stecke und bei denen ich weiß, das ich sie erreichen kann.

Vielleicht sind es nur kleine Schritte, die nicht jeder sofort bemerken kann, aber alles in Allem ist ein Umdenken im Gange – und ein Neuorientieren.

Ein – ich muß es mir eingestehen – ungewohnter Weg, ohne dich, alter Freund. So neu, so unbedarft.

So frisch.
So leicht, wie Sommerregen auf der Haut.

Ich gehe, sperre diese eine Türe zu und werfe den Schlüßel weg. Dieses düstere Kapitel brauche ich persönlich nicht noch einmal in meinem Leben.

Ich schreibe ein bitteres Manifest – nicht für mich – nur für dich.

Geh jetzt, treuer Freund. Geh – und komm nicht mehr zurück.

Ich
Liebe
Dich
Nicht
Mehr.


Surrender.

Kein Filmriss mehr.

Nur ein Abspann in einem Film, dessen Drehbuch keinen Oscar verdient hat.

Dont stop.

Nach vorne gehen – niemals zurück.

Kein Molloch mehr.
Keine Abgründe.
Keine steilen Klippen ohne Strand.

Surrender.


Über .:gefaehrte:.

Daniel Friedrich

Bayreuth

24.06.1978

Männlich

Mitglied seit 06.12.2000


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Veröffentlicht: 11.02.2017
Kategorie: Sucht & Drogen

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