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Warum?

Icy - 23.2.2003

Linda lebte schon eine ganze Weile in dieser Gegend. Ein einsames Dorf, weit ab von großen Städten und anderen Orten der Zivilisation. Etwas aufregendes passierte hier so gut wie nie. Linda hielt sich nie für aussergewöhnlich, sie war in ihren Augen immer ein normales Mädchen. Doch das sollte sich bald ändern.
Eines Tages hielt der Möbelwagen mit quietschenden Reifen vor dem Nachbarhaus. "Schön" dachte sie, "ein Umzug". Das hieß neue Nachbarn, neue Menschen, neue Probleme. Dachte sie zumindest.... Doch sie änderte ihre Meinung darüber sehr bald. Schwarzes Haar, klein, unscheinbar, erst beim zweiten Blick aus ihrem Dachfenster sah sie den Jungen, der hinter seinen Eltern hertrottete. Die Lustlosigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben. "Er war bestimmt nicht dafür, hierher zu ziehen" dachte sie sich. So war es auch. Schon am nächsten Tag trafen sich beide unten am Gartenzaun. Eher aus Zufall, obwohl sie irgendwie gewusst hatte, das sie ihm hier begegnen würde. "Hi" sagte sie. "Hallo" kam die schüchterne Antwort, eigentlich viel zu leise, um gehört zu werden. "Ähm, wie heisst du denn?". Stille. Dann...."Thomas, und du?". "Linda" sagte sie und lächelte ihn an. Das schien ihm Mut zu machen. Sie fragte vorsichtig weiter. "Wo hast du gewohnt?". Sein Gesicht verdunkelte sich sichtbar. "Weit weg von hier, an einem Ort, wo ich viele Freunde hatte...". "Wieso sagst du 'hatte'? sind sie denn nichtmehr deine Freunde?". Er schien zu überlegen. "Nein, nicht wirklich" gab er dann zurück. "Ich kann nicht mehr mit ihnen zusammensein, könnte ich das, wären sie noch meine Freunde."."Woher willst du wissen, das du sie nie mehr wiedersiehst?". Schweigen. Dann wandte er ihr den Rücken zu und eilte ins Haus. Sie stand noch eine Weile verdutzt am Zaun, dann ging auch sie in ihr Zimmer. Diese Nacht konnte sie nicht einschlafen. Gut, so etwas kam öfters vor, sie hatte einfach zuviele Gedanken im Kopf. Aber diesmal drehten sich die Gedanken nicht im Kreise, und sie kamen auch nicht aus allen Richtungen. Sie dachte nur an den kleinen Jungen, Thomas. Irgendwie muss sie ihn verletzt haben, ohne zu wissen, wie. Ließen ihn seine Eltern nicht fort? Waren sie so streng? Was war der Grund für dieses seltsame Verhalten. Sie wusste es nicht. Noch nicht. Und aus irgendeinem Grund wollte sie es nichtmehr wissen. Sie fühlte etwas bedrohliches, sobald sich ihre Gedanken diesem Thema näherten.
Am nächsten Morgen lag sie immernoch wach. Sie war auch garnicht müde. Nett war er, und rätselhaft, auch sehr schüchtern. Ihre Gedanken kamen nicht mehr von ihm weg. Nach dem Frühstück führte sie ihr Weg über das Badezimmer direkt zum Garten. Thomas saß auf einer Sonnenliege mit verträumten Gesicht. "Tut mir Leid, das ich gestern einfach abgehaun bin.". Diese Worte erreichten sie mitten in ihren eigenen Gedanken. "Schon ok". Sie lächelte. Er lächelte. Eine Weile lang sagten sie nichts. "Merkwürdig, du kommst mir so vertraut vor, als ob du alles über mich weisst... das verschafft mir Geborgenheit...und Angst." Sie blickte ihm in die Augen. Ein tiefes Grün, unendlich wie ein Labyrinth aus Spiegeln. Sie war überrascht, das er so offen mit ihr redete. Auf der anderen Seite erschien es ihr völlig normal. Als ob sie sich schon ewig kennen würden. Er hatte vollkommen Recht. Sie fühlte sich genauso. Trotzdem wusste sie, dass noch sehr viel im Verborgenen lag, dass sie vieles was ihn betraf nicht wusste. "Aber wenn ich nachdenke, merke ich, dass du ebensowenig über mich weißt, wie ich über dich". Er sprach ihr aus der Seele.
Die folgenden Tage verliefen wie im Flug. Sie trafen sich jeden Tag am Zaun, und verbrachten denselbigen dann auch fast vollständig dort. Oft sagten sie garnichts, manchmal über Stunden. Nach ein paar Tagen verlagerten sie ihren Treffpunkt. Auf einem weiten Feld stand eine uralte, einsame Eiche. Bäume können besser schweigen als Wände und Gärten. Und so trafen sich sich täglich auf dem untersten Ast dieses Baumes. Mittlerweile kannten sie sich wirklich sehr gut. Besser als die Eltern der beiden das je gekonnt hätten.
Doch dann...
"Ich muss dir etwas sagen" Der Unterton in seiner Stimme ließ sie frösteln. "Am ersten Tag hier hab ich dich am Zaun zurückgelassen. Ich hätte es dir schon viel früher sagen sollen, es tut mir Leid."
Die Trauer in seinen Augen war kaum auszuhalten. Doch sie schaffte es irgendwie, seinem Blick nicht auszuweichen."Der Grund wieso ich mir sicher bin, das ich meine Freunde niemehr sehen werde, ist.... ich werde sterben, noch diesen Monat... sagen die Ärzte" Trauer. Bodenlose Trauer. So etwas passiert, ja klar, aber trotzdem....wieso ausgerechnet mir? Solche Gedanken gingen ihr die ganze Zeit durch den Kopf. Kein klares Wort konnte sie in ihrem Kopf formen, keinen klaren Gedanken fassen. Nur eins...warum? Warum passiert so etwas immer denen, die einen am nächsten stehen? Zumindest kommt es einem so vor. Tränen rannen von ihren Augen. Verzweifelt versuchte sie einen Ton hervorzubringen. Aber was sollte sie sagen?
Sie schluchzte und legte ihren Kopf in seinen Schoß. Stunden vergingen. Dann stand sie langsam auf. Er blickte ihr in die tiefblauen Augen. "Hey..." er flüsterte kaum "wir werden immer zusammen sein....". Sie stand ganz still da. Dann nickte sie langsam. "Immer..." whisperte sie.



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